Manchmal sind es genau die Bücher mit einer richtig starken Grundidee, die die größten Erwartungen wecken. Und genau so ging es mir mit „Sie war es. Sie war es nicht.“ von Nicci Cloke.
Ein Thriller, der aus fünf unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Eine Frau im Zentrum, deren Schuld oder Unschuld die gesamte Öffentlichkeit beschäftigt. Jeder sieht sie anders. Jeder erzählt seine eigene Version der Wahrheit. Und sie selbst? Schweigt.
Ganz ehrlich – das klang für mich nach einem unglaublich spannenden Konzept. Nach einem psychologischen Thriller, der mit Wahrnehmung, Wahrheit und Perspektiven spielt. Genau mein Ding.
Umso größer war leider die Enttäuschung.
Dabei beginnt die Geschichte eigentlich vielversprechend. Katie Cole wird verhaftet, beschuldigt, vier einflussreiche Männer vergiftet zu haben. Ein Skandal, der Wellen schlägt. Schnell wird klar: Es geht hier nicht nur um ein Verbrechen, sondern um Macht, Einfluss und darum, wer die Deutungshoheit über die Wahrheit besitzt.
Die Idee, Katie ausschließlich durch die Augen anderer Figuren kennenzulernen – ihres Vaters, ihres Jugendfreundes, ihres Ex-Liebhabers, ihres Anwalts und eines Journalisten – hat wirklich Potenzial. Jede dieser Perspektiven zeigt eine andere Facette von ihr. Katherine. Kit-Kat. K.C. Killer-Kate. Wildkatze.
Eine Frau mit vielen Gesichtern.
Doch genau hier beginnt für mich das Problem.
Die Umsetzung konnte mich leider überhaupt nicht abholen.
Ein großer Stolperstein war für mich die gewählte Erzählperspektive: die Du-Form. Also die zweite Person Singular. Eine eher ungewöhnliche Stilentscheidung, die sicherlich bewusst gewählt wurde, um Nähe oder Intensität zu erzeugen. Für mich hatte sie allerdings genau den gegenteiligen Effekt.
Ich fand sie anstrengend.
Distanzierend.
Und auf Dauer wirklich schwierig zu lesen.
Dazu kam, dass ich große Probleme hatte, die einzelnen Stimmen voneinander zu unterscheiden. Trotz der unterschiedlichen Perspektiven wirkten viele Passagen ähnlich, wodurch ich oft innehalten musste, um überhaupt zu verstehen, aus wessen Sicht ich gerade lese.
Das hat den Lesefluss für mich immer wieder unterbrochen.
Ich habe wirklich versucht, mich auf die Geschichte einzulassen. Habe weitergelesen, gehofft, dass sich die Spannung steigert, dass ein Twist kommt, der mich packt, überrascht, vielleicht sogar umhaut.
Aber genau das ist leider nicht passiert.
Die Handlung zog sich für mich über weite Strecken.
Es fehlte an Dynamik, an echten Spannungsmomenten, an Entwicklungen, die mich emotional abgeholt hätten. Stattdessen hatte ich zunehmend das Gefühl, eher durch die Seiten zu gehen, als wirklich in die Geschichte einzutauchen.
Ein weiterer Punkt, der es mir schwer gemacht hat, war die fehlende Verbindung zu den Figuren.
Weder Katie noch die fünf Männer konnten mich wirklich erreichen. Sie blieben für mich distanziert, teilweise unsympathisch, aber vor allem: egal.
Und wenn genau das passiert, wird es schwierig, bei einem Thriller mitzufiebern.
Selbst das Ende konnte daran nichts mehr ändern.
Es hat mich nicht überrascht, nicht überzeugt und leider auch nicht das Gefühl gegeben, dass sich das Durchhalten bis zur letzten Seite wirklich gelohnt hat.
Was ich allerdings sagen muss: Der englische Originaltitel „Her Many Faces“ trifft für mich deutlich besser den Kern der Geschichte. Denn genau darum geht es – um die verschiedenen Versionen einer Person. Um Wahrnehmung. Um Perspektive.
Nur leider konnte mich die Umsetzung dieser eigentlich starken Idee nicht überzeugen.
„Sie war es. Sie war es nicht.“ ist für mich ein Thriller mit viel Potenzial, das leider nicht ausgeschöpft wurde.
Die ungewöhnliche Erzählweise, die fehlende Spannung und die distanzierten Figuren haben es mir schwer gemacht, wirklich in die Geschichte einzutauchen.
Für mich bleibt es daher bei 2 von 5 Sternen ⭐️ –und einer eher enttäuschenden Leseerfahrung.
