Mal ehrlich: Kann man mit einem Buch von Sabine Bohlmann überhaupt etwas falsch machen?
Ich glaube inzwischen fast nicht mehr.
Bisher hat uns jedes ihrer Bücher auf die eine oder andere Weise begeistert. Deshalb war die Vorfreude auf „Willkommen bei den Grauses – Wer ist schon normal?“ natürlich riesig. Und weil wir Geschichten am liebsten gemeinsam erleben, haben mein Neunjähriger und ich es uns gemütlich gemacht, während unser Siebenjähriger den Großteil der Geschichte laut vorgelesen hat.
Ich liebe diese gemeinsamen Lesemomente. Jeder hört zu, jeder lacht an anderen Stellen und hinterher wird noch lange über die Geschichte gesprochen. Genau so war es auch bei den Grauses.
Im Mittelpunkt steht Ottilie. Sie ist eigentlich ein ganz normales Mädchen – vielleicht mit einer kleinen Schwäche für Bücher und ungewöhnliche Sammlungen. Während der Sommerferien würden ihre Eltern sie am liebsten öfter nach draußen schicken oder mit den anderen Kindern spielen lassen. Doch Ottilie verbringt ihre Zeit lieber mit ihren eigenen Interessen.
Bis eines Nachts plötzlich gegenüber eine neue Familie einzieht.
Ein Umzug mitten in der Nacht?
Das macht natürlich sofort neugierig.
Und schnell wird klar, dass diese neue Familie alles ist – nur nicht gewöhnlich.
Auf den ersten Blick sieht alles noch ganz normal aus: Mama, Papa, drei Kinder, ein Opa und ein Hund.
Doch schon beim zweiten Hinsehen merkt man, dass hier einiges anders ist.
Muh trägt kleine Hörner auf dem Kopf, eines der Kinder besitzt spitze Eckzähne, ein anderes bekommt man kaum zu Gesicht, der Opa ist ein Schrat, der Hund entpuppt sich als Wischmopp und überhaupt scheint in dieser Familie niemand so richtig in die Welt der “Normalos” zu passen.
Allein diese Ausgangsidee fanden wir schon herrlich.
Und je mehr Zeit wir mit den Grauses verbrachten, desto mehr schlossen wir sie ins Herz.
Besonders Opa hat bei uns für viele Lacher gesorgt. Er bemüht sich zwar, sich in der Menschenwelt richtig zu verhalten, doch das klappt leider nicht immer. Sehr zum Ärger von Herrn Grottenolm, der jede kleine Panne sorgfältig mit einem grauen Punkt notiert.
Mein Siebenjähriger musste bei einigen Szenen so lachen, dass er beim Vorlesen immer wieder unterbrechen musste. Und ganz ehrlich – uns ging es nicht anders.
Sabine Bohlmann schafft es einfach, Humor und Herzenswärme perfekt miteinander zu verbinden.
Was uns außerdem richtig gut gefallen hat, war die Idee mit den “nicht sagbaren Wörtern”, die einfach rückwärts geschrieben werden. Anfangs mussten wir kurz überlegen, doch dann machte genau das unglaublich viel Spaß. Die Jungs haben versucht, die Wörter selbst zu entschlüsseln und waren jedes Mal stolz, wenn sie die Lösung gefunden hatten.
Solche kleinen Einfälle machen Geschichten für Kinder noch einmal zu etwas ganz Besonderem.
Doch zwischen all den lustigen Situationen steckt auch eine wunderschöne Botschaft.
Schon der Titel stellt die wichtigste Frage überhaupt:
Wer ist eigentlich normal?
Die Grauses sehen vielleicht anders aus als andere Familien.
Sie verhalten sich manchmal ungewöhnlich.
Sie machen Dinge, die Menschen vermutlich nie tun würden.
Aber am Ende sind sie genau das, was jede Familie sein sollte.
Sie halten zusammen.
Sie helfen sich.
Sie stehen füreinander ein.
Und genau das zählt.
Ich finde diese Botschaft unglaublich wertvoll – gerade für Kinder.
Denn längst gibt es nicht mehr nur das klassische Familienbild. Familien sehen heute ganz unterschiedlich aus. Manche bestehen aus Mama und Papa, andere aus nur einem Elternteil, Patchworkfamilien oder Großeltern, die einen großen Teil der Erziehung übernehmen.
Familie bedeutet nicht, dass alle gleich sind.
Familie bedeutet Zusammenhalt.
Und genau das vermittelt dieses Buch auf eine wunderbar leichte und humorvolle Art.
Auch Ottilie entwickelt sich im Laufe der Geschichte weiter. Aus anfänglicher Neugier entsteht echte Freundschaft. Sie begegnet den Grauses offen, ohne Vorurteile, und genau dadurch entstehen viele wunderschöne Momente.
Natürlich werden die Konflikte in der Geschichte eher ruhig und unkompliziert gelöst. Als Erwachsene denkt man vielleicht manchmal: “Das ging jetzt aber schnell.”
Meine beiden Jungs hat das allerdings überhaupt nicht gestört.
Im Gegenteil.
Für sie stand etwas ganz anderes im Mittelpunkt.
Nach dem Lesen sagte einer der beiden ganz trocken:
“Eigentlich ist es doch schön, wenn nicht alle gleich sind.”
Mehr muss man über die Botschaft dieses Buches eigentlich gar nicht sagen.
Auch die Illustrationen von Daniel Steudtner haben uns richtig gut gefallen. Sie passen perfekt zu dieser schrägen Familie und verleihen jedem einzelnen Charakter noch mehr Persönlichkeit. Schon das Cover macht neugierig und lädt dazu ein, die Grauses kennenzulernen.
„Willkommen bei den Grauses – Wer ist schon normal?“ ist für uns ein rundum gelungener Auftakt einer neuen Kinderbuchreihe.
Das Buch ist lustig, warmherzig, fantasievoll und steckt voller liebenswerter Figuren, die man sofort ins Herz schließt. Gleichzeitig vermittelt die Geschichte ganz nebenbei eine wichtige Botschaft über Toleranz, Freundschaft und Zusammenhalt, ohne dabei jemals belehrend zu wirken.
Wir haben gemeinsam gelacht, mitgefiebert und die Grauses am Ende nur ungern wieder ziehen lassen.
Für uns ist dieses Buch ein echtes Highlight im Bücherregal – und wir hoffen sehr, dass wir diese herrlich verrückte Familie schon ganz bald wieder begleiten dürfen.




