„Das Mörderarchiv – Tante Frances hat kein Herz für Mörder“

Es gibt Krimireihen, bei denen man sich jedes Mal aufs Neue freut, bekannte Figuren wiederzutreffen. Genau so geht es mir mit der Mörderarchiv-Reihe von Kristen Perrin. Das Besondere daran ist nach wie vor die ungewöhnliche Idee: Eine Frau, die eigentlich schon im ersten Band verstorben ist, begleitet die Geschichte trotzdem weiterhin. Ihr Archiv voller Geheimnisse und ihre alten Tagebücher spielen auch im dritten Band wieder eine entscheidende Rolle und verbinden Vergangenheit und Gegenwart auf spannende Weise.

Diesmal verschlägt es Annie nach London. Eigentlich möchte sie dort nur ihre Mutter Laura besuchen, die als Künstlerin lebt und arbeitet. Doch aus dem Familienbesuch wird schneller Ernst, als Annie lieb ist. Eine junge Kunststudentin, die bei ihrer Mutter gelebt hat, wird tot aufgefunden – und zwar auf alten Gemälden. Besonders grausam: Der jungen Frau wurde das Herz entfernt.

Schon dieser Einstieg macht neugierig und lässt einen sofort überlegen, was hinter diesem Mord steckt.

Natürlich bleibt es nicht bei diesem einen Verbrechen. Beim Stöbern in den Tagebüchern ihrer Tante Frances entdeckt Annie einen erschreckenden Zusammenhang. Jahrzehnte zuvor wurde eine Freundin von Frances auf nahezu dieselbe Weise ermordet.

Zufall?

Wohl kaum.

Und genau hier beginnt wieder das, was diese Reihe für mich ausmacht: Das geschickte Verknüpfen zweier Zeitebenen.

Während Annie im Hier und Jetzt versucht, den aktuellen Mord aufzuklären, begleiten wir Frances zurück in die Swinging Sixties. Dort lernen wir Vera und ihren Bruder Max kennen, beobachten, wie Frances immer tiefer in ein Netz aus Manipulation, Machtspielen und Geheimnissen gerät und erleben schließlich, wie sie selbst plötzlich unter Verdacht steht.

Ich mag diese Rückblicke grundsätzlich sehr, weil sie Frances auch nach ihrem Tod weiterhin zu einer wichtigen Figur der Reihe machen. Gleichzeitig merkt man aber auch, dass dieser Handlungsstrang diesmal sehr viel Raum einnimmt.

Teilweise hatte ich das Gefühl, dass die eigentliche Krimihandlung dadurch etwas ausgebremst wird.

Gerade zu Beginn brauchte die Geschichte für meinen Geschmack etwas zu lange, bis sie richtig Fahrt aufgenommen hat.

Hinzu kommen die vielen Figuren.

Immer wieder tauchen neue Personen auf, andere verschwinden wieder und kaum jemand ist wirklich der, für den man ihn zunächst hält. Das passt zwar gut zu einem klassischen Whodunit-Krimi, verlangte mir diesmal aber deutlich mehr Konzentration ab als in den Vorgängern.

Auch die ständigen Wechsel zwischen Annie und Frances sorgten manchmal dafür, dass ich kurz überlegen musste, wo ich mich gerade befinde.

Die Tagebucheinträge selbst empfand ich dieses Mal übrigens etwas zwiespältig. Sie erfüllen zwar ihren Zweck und erzählen die Vergangenheit, wirkten auf mich aber weniger wie echte Tagebücher. Vielmehr sind sie ein erzählerisches Mittel, um beide Zeitebenen miteinander zu verbinden.

Trotzdem habe ich Annie wieder unglaublich gerne begleitet.

Sie gehört für mich zu den sympathischsten Hobbyermittlerinnen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Gerade weil sie nicht perfekt ist. Sie stolpert in Fettnäpfchen, trifft nicht immer die klügsten Entscheidungen und zieht auch mal falsche Schlüsse. Genau dadurch wirkt sie menschlich und authentisch.

Auch das Zusammenspiel mit Kommissar Crane hat mir wieder gut gefallen. Diesmal ist er sogar persönlicher in den Fall verwickelt, wodurch die Ermittlungen noch einmal eine andere Dynamik bekommen.

Was Kristen Perrin nach wie vor besonders gut gelingt, ist ihr angenehmer Schreibstil.

Die Seiten lesen sich flüssig und leicht, sodass man trotz der komplexen Handlung immer weiterlesen möchte. Auch wenn die Spannung für mich nicht konstant hoch war, wollte ich natürlich wissen, wie die beiden Mordfälle zusammenhängen und welche Wahrheit sich am Ende hinter all den Geheimnissen verbirgt.

Und genau darin liegt für mich auch die größte Stärke des Buches.

Nicht die rasante Spannung steht im Vordergrund, sondern das Rätseln.

Immer wieder glaubt man, den Täter gefunden zu haben, nur um kurze Zeit später wieder alles infrage zu stellen.

Genau das macht den Reiz der Reihe aus.

Trotzdem habe ich mich am Ende gefragt, wie viel Potenzial das Mörderarchiv noch bietet. Die Grundidee ist außergewöhnlich und hat mich von Anfang an begeistert. Nach drei Bänden stellt sich aber langsam die Frage, wie viele Verbrechen aus Frances’ Vergangenheit noch glaubwürdig mit aktuellen Fällen verknüpft werden können.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass ich genug von Annie habe.

Ganz im Gegenteil.

Sollte ein vierter Band erscheinen, werde ich ihn mit Sicherheit wieder lesen.

„Das Mörderarchiv – Tante Frances hat kein Herz für Mörder“ ist eine solide Fortsetzung einer Reihe, die vor allem durch ihre außergewöhnliche Grundidee und ihre sympathische Hauptfigur lebt. Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart funktioniert erneut gut, auch wenn die Geschichte diesmal etwas mehr Zeit braucht, um richtig in Schwung zu kommen.

Wer die ersten beiden Bände mochte, wird sich auch über dieses Wiedersehen mit Annie und Frances freuen. Für mich erreicht der dritte Teil zwar nicht ganz die Spannung seiner Vorgänger, trotzdem hatte ich schöne Lesestunden und freue mich schon jetzt darauf, falls Annie eines Tages wieder ein neues Geheimnis aus dem Archiv ihrer Tante ans Licht bringt.