Manchmal schnappe ich mir ein Kinderbuch, lese den Klappentext und denke: Was bitte erwartet uns hier?
Eine sprechende, rechnende und kochende fleischfressende Pflanze?
Allein diese Idee klingt so herrlich verrückt, dass wir das Buch natürlich unbedingt lesen mussten. Und genau das macht „Holly, Herbert und die Fleischfresserpflanze“ aus: Es ist schräg, kreativ und so anders, als man es erwartet.
Schon nach den ersten Seiten mussten wir immer wieder schmunzeln. Meine Kinder – vier, sieben und neun Jahre alt – lieben Geschichten, in denen einfach alles möglich ist. Während die Kleine vor allem die Vorstellung einer sprechenden Pflanze unglaublich lustig fand, konnten die Großen über die vielen witzigen Dialoge und die verrückten Ideen lachen.
Im Mittelpunkt steht Holly, die eine ganz besondere Bekanntschaft macht: Herr Pula, eine fleischfressende Pflanze, die nicht nur sprechen kann, sondern auch ein echtes Mathegenie ist. Als wäre das nicht schon außergewöhnlich genug, liebt Herr Pula außerdem das Kochen. Auch wenn man sagen muss, dass zwischen Begeisterung und Talent durchaus ein kleiner Unterschied liegt. Seine Kochversuche sorgen jedenfalls für einige herrlich komische Momente.
Der Deal zwischen den beiden ist schnell beschlossen: Herr Pula hilft Holly beim Rechnen und darf im Gegenzug nach Herzenslust in der Küche experimentieren.
Allein diese Ausgangsidee fand ich unglaublich originell.
Man fragt sich wirklich, wie man auf so eine Geschichte kommt. Und genau deshalb macht sie so viel Spaß. Sie ist herrlich absurd, aber auf die beste Art und Weise.
Natürlich bleibt es nicht bei einem gemütlichen Koch- und Matheprojekt.
Als der bekannte Fernsehkoch Siegfried Schmand auf Herrn Pula aufmerksam wird, wird es plötzlich richtig turbulent. Seine Pläne mit der außergewöhnlichen Pflanze sind alles andere als harmlos und Holly und ihr bester Freund Herbert setzen alles daran, ihren ungewöhnlichen Freund zu beschützen.
Neben dem Humor steckt aber auch erstaunlich viel Herz in dieser Geschichte.
Besonders Herbert habe ich schnell ins Herz geschlossen.
Er lebt nicht bei seinen Eltern, sondern bei seinen Großeltern. Deshalb wird er von manchen Kindern schief angeschaut und sogar ausgegrenzt. Dass andere Kinder ihn meiden oder über ihn urteilen, nur weil sein Leben anders aussieht als ihres, fand ich wirklich traurig.
Umso schöner ist die Freundschaft zwischen Holly und Herbert.
Für Holly spielt es überhaupt keine Rolle, wo Herbert lebt oder was andere über ihn sagen. Sie sieht einfach den Menschen hinter all den Vorurteilen.
Ich finde, genau das ist eine wunderbare Botschaft für Kinder.
Nicht vorschnell urteilen.
Hinterfragen.
Und Menschen so annehmen, wie sie sind.
Auch Holly selbst bringt ein Thema mit, das man nicht so häufig in Kinderbüchern findet. Ihre Eltern sind getrennt und sie lebt bei ihrem Vater, während sie ihre Mutter regelmäßig besucht. Oft wird dieses Familienmodell genau andersherum dargestellt. Deshalb fand ich es schön, hier einmal eine andere Perspektive kennenzulernen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Holly selbst mit ihrer Familiensituation eigentlich gut zurechtkommt. Die Schwierigkeiten entstehen vielmehr durch die Reaktionen anderer Menschen. Genau deshalb ist Herbert so ein toller Freund. Er nimmt ihre Situation einfach hin, ohne neugierig nachzubohren oder sie zu bewerten.
Ein Thema, das leider ebenfalls nicht fehlt, ist Mobbing.
Mit Nils begegnet uns ein Charakter, den man wirklich überhaupt nicht sympathisch finden kann. Er nutzt Hollys Unsicherheit aus, ärgert sie und überschreitet mehrfach Grenzen.
Leider ist das etwas, das viele Kinder aus ihrem Schulalltag kennen.
Deshalb finde ich es grundsätzlich wichtig, dass solche Figuren auch in Kinderbüchern vorkommen. Sie bieten Gesprächsanlässe und zeigen, dass Ausgrenzung und Gemeinheiten leider Realität sind.
Was mich allerdings etwas gestört hat, war die fehlende Konsequenz für sein Verhalten.
Ich hätte mir gewünscht, dass Nils zumindest irgendwann Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Gerade weil Kinder durch Geschichten oft auch Werte vermittelt bekommen, hätte ich diesen Aspekt schön gefunden. Vielleicht greift ein möglicher Folgeband das ja noch auf.
Auch bei Holly hätte ich mir persönlich eine etwas stärkere Entwicklung gewünscht.
Herr Pula unterstützt sie beim Rechnen und trotzdem hatte ich am Ende das Gefühl, dass sie selbst daraus noch etwas mehr hätte mitnehmen können. Vielleicht ist genau das aber bewusst offen gehalten, weil die Geschichte als Reihenauftakt gedacht ist und ihre Entwicklung erst nach und nach stattfinden soll.
Die schwarz-weißen Illustrationen passen wunderbar zur Geschichte und lockern den Text immer wieder auf. Sie greifen die lustigen Szenen schön auf und verleihen den Figuren zusätzlich Charakter. Gerade für Kinder, die den Übergang vom Vorlesen zum Selberlesen schaffen, ist das eine tolle Unterstützung.
„Holly, Herbert und die Fleischfresserpflanze“ ist ein herrlich verrücktes Kinderbuch, das mit einer außergewöhnlichen Idee, viel Humor und liebenswerten Figuren überzeugt. Hinter der schrägen Geschichte stecken Themen wie Freundschaft, Vorurteile, Mobbing, unterschiedliche Familienmodelle und der Mut, Menschen so anzunehmen, wie sie sind.
Nicht alles hat mich vollkommen überzeugt – besonders bei der Entwicklung von Holly und den Konsequenzen für Nils hätte ich mir etwas mehr gewünscht. Trotzdem hatten wir beim Lesen jede Menge Spaß und mussten immer wieder lachen.
Wer originelle Kinderbücher mit einer großen Portion Fantasie und viel Herz mag, sollte Herrn Pula unbedingt kennenlernen. Wir sind jedenfalls gespannt, ob diese ungewöhnliche Truppe noch weitere Abenteuer erleben darf.
