Es gibt Bilderbücher, die brauchen gar nicht viele Seiten, um eine Botschaft zu vermitteln, die lange im Herzen bleibt.
„Kleiner Bär ganz groß“ ist genau so ein Buch.
Mit drei Kindern im Alter von vier, sieben und neun Jahren erleben wir zu Hause jeden Tag, wie unterschiedlich Kinder sind. Der eine ist mutig und geht auf jeden offen zu, der andere beobachtet erst einmal. Der eine kann unglaublich schnell klettern, der andere malt dafür die schönsten Bilder. Und manchmal vergleichen Kinder sich eben doch miteinander und fragen sich, warum sie etwas nicht genauso gut können wie jemand anderes.
Genau dort setzt dieses Bilderbuch an.
Die Geschichte führt uns in eine eisige Welt, in der zwei Eisbären leben. Ein großer und ein kleiner. Der große Bär ist stark, beeindruckend und lässt das auch jeden wissen. Er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein und erzählt gerne, wie großartig er ist. Der kleine Bär dagegen blickt oft bewundernd zu ihm auf und beginnt irgendwann selbst daran zu zweifeln, ob er überhaupt mithalten kann.
Ich glaube, dieses Gefühl kennen viele Kinder.
Aber ehrlich gesagt kennen es auch viele Erwachsene.
Man schaut auf andere und sieht nur das, was sie scheinbar besser können, während man die eigenen Stärken völlig aus den Augen verliert.
Besonders schön fand ich deshalb, wie sich die Geschichte entwickelt.
Denn als das Eis plötzlich auseinanderbricht und der große Bär auf einer treibenden Eisscholle landet, nützen ihm seine Größe und seine Kraft auf einmal überhaupt nichts mehr. Ausgerechnet der kleine Bär ist es, der Mut beweist und seinem Freund hilft.
Ganz ohne großes Drama.
Ganz selbstverständlich.
Und genau dadurch wird deutlich, worum es in dieser Geschichte eigentlich geht.
Es kommt eben nicht darauf an, wer größer, stärker oder lauter ist.
Jeder Mensch hat Fähigkeiten, die wichtig sind.
Manchmal zeigen sie sich erst genau in dem Moment, in dem sie gebraucht werden.
Diese Botschaft gefällt mir unglaublich gut, weil sie Kinder stärkt, ohne andere kleinzumachen. Es geht nicht darum, besser zu sein als jemand anderes. Es geht darum, zu erkennen, dass jeder etwas kann und dass genau diese Unterschiede eine Freundschaft wertvoll machen.
Auch das Thema Freundschaft wird sehr schön aufgegriffen.
Der kleine Bär handelt nicht aus Rache oder weil er dem großen Bären etwas beweisen möchte. Er hilft ihm einfach. Weil Freunde füreinander da sind.
Ich finde, das ist eine wunderbare Botschaft für Kinder.
Gerade im Kindergarten oder in der Grundschule entstehen oft Vergleiche. Wer ist schneller? Wer ist größer? Wer kann schon Fahrrad fahren oder besser rechnen?
Dieses Buch zeigt auf eine ganz liebevolle Weise, dass all das gar nicht entscheidend ist.
Die Illustrationen von Pe Grigo haben uns ebenfalls sehr gefallen. Sie sind freundlich, farbenfroh und strahlen trotz der eisigen Landschaft eine unglaubliche Wärme aus. Unsere Vierjährige hat sich die Bilder ganz in Ruhe angesehen und immer wieder kleine Details entdeckt. Gerade bei Bilderbüchern ist das für mich ein wichtiger Punkt, denn oft erzählen die Illustrationen noch einmal ihre ganz eigene Geschichte.
Neben Freundschaft und Selbstvertrauen schwingt auch das Thema Umwelt mit. Das brechende Eis macht deutlich, wie empfindlich der Lebensraum der Eisbären ist. Dieser Aspekt wird jedoch nicht belehrend in den Vordergrund gestellt, sondern fügt sich ganz natürlich in die Geschichte ein. Dadurch entstehen beim Vorlesen ganz automatisch Gespräche darüber, warum der Schutz unserer Natur wichtig ist.
Ich mag Bücher, die Kindern etwas mit auf den Weg geben, ohne dabei den Zeigefinger zu heben.
Und genau das gelingt diesem Bilderbuch.
Es erzählt eine warme Geschichte, regt zum Nachdenken an und schenkt Kindern gleichzeitig das Gefühl, dass auch sie etwas Besonderes sind – unabhängig davon, wie groß oder klein sie sind.
„Kleiner Bär ganz groß“ ist ein liebevoll erzähltes Bilderbuch über Freundschaft, Selbstvertrauen und die Erkenntnis, dass jeder seine ganz eigenen Stärken besitzt. Die Geschichte ist einfühlsam, leicht verständlich und wird von wunderschönen Illustrationen begleitet, die zum gemeinsamen Entdecken einladen.
Für uns ist es ein Bilderbuch, das man nicht nur einmal vorliest. Es eignet sich wunderbar, um anschließend mit Kindern darüber zu sprechen, was sie selbst besonders gut können und warum niemand sich mit anderen vergleichen muss. Denn wahre Größe hat am Ende nichts mit der Körpergröße zu tun – sondern mit Mut, Herz und der Bereitschaft, füreinander da zu sein.
