Na, ich hab es doch gesagt: Die Schockstarre ist vorbei. Dieses erste „Oh Gott, was jetzt?“ hat sich langsam gelegt und ist einem ziemlich pragmatischen „Okay, dann machen wir das jetzt eben“ gewichen. Und genau da stehen wir gerade. Am Anfang. Mitten im Lernprozess. Mitten im Ausprobieren. Mitten in all den kleinen Anfängerfehlern, über die viele wahrscheinlich schmunzeln werden – und wir vermutlich auch. Später. Hoffentlich. Irgendwann. Denn im Moment fühlt sich noch vieles neu, fremd und manchmal auch ein bisschen überwältigend an.
Kaum hatten wir die Diagnose einigermaßen verdaut, ging es bei uns erstaunlich schnell in den Aktionismus über. Mein Mann ist quasi direkt zur nächsten Buchhandlung gestürmt und kam wenig später mit einem Backbuch unter dem Arm wieder nach Hause. Natürlich. Als gelernter Bäcker ist er jetzt offiziell hochmotiviert, die besten glutenfreien Brote dieser Welt zu backen. Ich sehe ihn innerlich schon mit Notizbuch, Mehlproben und geheimen Rezepten in der Küche stehen, während ich noch versuche herauszufinden, welches Mehl überhaupt wofür geeignet ist. Aber ganz ehrlich: Ich liebe diesen Enthusiasmus. Er zeigt mir, dass wir uns davon nicht kleinmachen lassen. Wir nehmen die Herausforderung an. Auf unsere Art.
Was wir allerdings ziemlich schnell gemerkt haben: Glutenfrei ist nichts für schwache Nerven – zumindest nicht für den Geldbeutel. Man greift im Supermarkt ganz selbstverständlich ins Regal, denkt sich „Ach, das sieht doch normal aus“, schaut auf den Preis und fragt sich im nächsten Moment, ob dieses Produkt vielleicht heimlich mit Blattgold veredelt wurde. Mehl, Brot, Kekse, Snacks – irgendwie scheint alles plötzlich deutlich teurer zu sein. Ich hoffe sehr, dass wir mit der Zeit schlauer einkaufen, bessere Alternativen finden und lernen, wo man sparen kann, ohne auf Qualität zu verzichten. Im Moment fühlt es sich noch an wie eine Mischung aus Schock und Experimentierphase. Aber auch das gehört wohl dazu.
Unser Ziel ist jedenfalls ziemlich klar: Wir möchten so viel wie möglich selbst machen und so wenig wie möglich auf stark verarbeitete Industrieprodukte zurückgreifen. Wir wollen wissen, was drin ist, wir wollen Kontrolle über die Zutaten haben und vor allem wollen wir unserem Sohn zeigen, dass glutenfrei nicht automatisch Verzicht bedeutet. Es ist einfach anders. Und anders kann auch gut sein. Vielleicht sogar besser. Mehr gemeinsames Kochen, mehr Ausprobieren, mehr Chaos in der Küche, mehr Mehl auf dem Boden als im Teig und vermutlich auch mehr Fluchen, wenn wieder etwas nicht so wird, wie geplant. Aber all das gehört irgendwie dazu.
Manchmal sitze ich da und denke, wie verrückt das eigentlich ist. Vor ein paar Wochen war das alles noch kein Thema. Wir haben eingekauft, gekocht und gegessen, ohne groß darüber nachzudenken. Und jetzt lesen wir Zutatenlisten wie andere Leute Romane, googeln jedes zweite Wort, speichern Rezepte, schreiben Einkaufslisten und planen Mahlzeiten, als würden wir eine kleine Expedition vorbereiten. Unser Alltag hat sich verändert, ohne dass wir ihn bewusst verändert hätten. Und trotzdem fühlt es sich nicht nach Weltuntergang an. Eher nach neuen Spielregeln, die man erst lernen muss, bevor man richtig mitspielen kann.
Ich bin wirklich gespannt, wo wir in einem Jahr stehen werden. Ob wir dann routiniert durch den Supermarkt laufen, ohne jedes Etikett dreimal zu prüfen. Ob mein Mann sein perfektes Brot-Rezept gefunden hat. Ob ich beim Backen nicht mehr panisch nachlesen muss, ob Backpulver jetzt glutenfrei ist oder nicht. Ob wir über unsere ersten Fehlkäufe, misslungenen Experimente und bröseligen Brote lachen können. Wahrscheinlich ja. Und genau darauf freue ich mich.
Denn das würde bedeuten, dass wir drangeblieben sind. Dass wir gelernt haben. Dass wir unseren Weg gefunden haben.
Das hier ist unser Anfang. Nicht perfekt, nicht fehlerfrei, aber voller Motivation, Hoffnung und einer ordentlichen Portion Mehl auf dem Weg. Und ich bin mir ziemlich sicher: Das ist erst der Anfang unserer ganz eigenen glutenfreien Geschichte. 💛
