Florian Fuchs & Laura Fuchs
So fühlen die Tiere
Können Tiere eigentlich traurig sein? Freuen sie sich genauso wie wir? Können sie lieben, Angst haben, wütend werden oder jemandem vertrauen?
Gerade Kinder stellen solche Fragen irgendwann ganz automatisch. Bei uns ganz besonders unser Siebenjähriger, denn Tiere sind momentan eines seiner absoluten Lieblingsthemen. Für ihn steht auch ziemlich sicher fest: Wenn er einmal groß ist, wird er Tierpfleger. Da gibt es eigentlich überhaupt nichts mehr zu diskutieren. 😄 Entsprechend groß war seine Begeisterung, als „So fühlen die Tiere“ bei uns eingezogen ist.
Denn dieses Buch beschäftigt sich nicht nur damit, was Tiere tun, wo sie leben oder was sie fressen. Es geht um etwas, das wir ihnen auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so leicht ansehen können: ihre Gefühle.
Und genau das fand ich schon beim ersten Durchblättern unglaublich spannend.
Gefühle sind nicht nur Menschensache
Freude, Trauer, Angst, Liebe, Ekel, Vertrauen oder Wut – für uns Menschen gehören all diese Emotionen ganz selbstverständlich zum Leben. Wir können darüber sprechen, sagen, wenn uns etwas Angst macht, jemanden trösten oder erzählen, warum wir gerade vor Freude platzen könnten.
Tiere können uns natürlich nicht einfach mit Worten erklären, wie es ihnen geht. Trotzdem bedeutet das nicht, dass in ihnen nichts passiert.
Das Buch nimmt Kinder mit in die Gefühlswelt ganz unterschiedlicher Tierarten und zeigt anhand vieler Beispiele, wie Tiere Emotionen ausdrücken und wie Forscher ihr Verhalten beobachten und einordnen.
Dabei haben nicht nur meine Kinder einiges gelernt.
Ich nämlich auch.
Besonders faszinierend fand ich, wie unterschiedlich Gefühle im Tierreich sichtbar werden können. Denn natürlich stampft ein wütender Elefant nicht mit den Füßen auf und ruft: „Ich bin sauer!“ Ein Tier zeigt über seine Haltung, seine Bewegungen, Laute, Mimik oder sein Verhalten, was gerade in ihm vorgeht.
Und plötzlich schaut man viel genauer hin.
Trauernde Elefanten, verliebte Schwäne und glückliche Krokodile
Genau diese konkreten Beispiele machen das Buch für mich so interessant.
Wir erfahren unter anderem, wie Elefanten mit dem Verlust eines Artgenossen umgehen und wie lange Trauer sie begleiten kann. Wir entdecken Tiere, die nach ihrer Partnerwahl sehr lange oder sogar ein Leben lang zusammenbleiben, und lernen etwas darüber, warum Schimpansen lächeln, welche Rolle Vertrauen bei Erdmännchen spielt oder was bei einem Krokodil so etwas wie Freude auslösen kann.
Und da saßen wir tatsächlich mehr als einmal gemeinsam vor einer Seite und dachten: Das wusste ich nicht.
Besonders schön finde ich, dass nicht einfach nur behauptet wird: Dieses Tier ist jetzt traurig oder jenes Tier freut sich. Das Buch erklärt anhand von Beobachtungen und Beispielen, woran Menschen solche Emotionen bei Tieren erkennen und woher unser Wissen darüber stammt.
Dadurch bekommen Kinder nicht nur einzelne Tierfakten serviert, sondern lernen ganz nebenbei, genauer hinzuschauen und Verhalten zu hinterfragen.
Für welches Alter eignet sich das Buch?
Der Verlag empfiehlt das Buch bereits ab drei Jahren. Die wunderschönen Tierbilder kann ich mir für dieses Alter definitiv vorstellen, bei den eigentlichen Inhalten würde ich persönlich die Altersempfehlung allerdings etwas höher ansetzen.
Wir haben gemerkt, dass die Zusammenhänge hinter den verschiedenen Emotionen für ein jüngeres Kind teilweise noch ziemlich abstrakt sein können. Natürlich kann man einzelne Seiten herausgreifen, gemeinsam Tiere entdecken und sehr vereinfacht über Freude, Angst oder Traurigkeit sprechen. Um wirklich zu verstehen, wie tierisches Verhalten gedeutet wird und was die Beispiele erzählen, braucht es meiner Meinung nach aber etwas mehr Alter.
Ganz anders war es bei den älteren Kindern.
Unser Siebenjähriger war durch seine große Tierbegeisterung sowieso sofort dabei, und auch mit unserem Neunjährigen und unserer vierjährigen haben wir das Buch angeschaut. In diesem Alter entstand noch einmal ein ganz anderes Gespräch. Es ging nicht mehr nur darum, dass ein Tier etwas empfindet, sondern auch darum, wie wir das überhaupt erkennen können.
Und genau hier zeigt das Buch für mich seine besondere Stärke.
Ein Tierbuch, das gleichzeitig Empathie vermittelt
Je länger wir darin gelesen haben, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass „So fühlen die Tiere“ eigentlich zwei Dinge gleichzeitig macht.
Natürlich vermittelt es unglaublich viel Wissen über Tiere. Gleichzeitig bringt es Kinder aber auch dazu, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen.
Wenn ein Tier Angst empfinden kann, macht es einen Unterschied, wie wir ihm begegnen. Wenn Tiere Vertrauen aufbauen, Bindungen eingehen oder Verlust erleben können, verändert das unseren Blick auf sie.
Das Buch sagt Kindern dabei nicht ständig, was sie denken oder wie sie handeln sollen. Stattdessen liefert es Wissen, aus dem sich ganz von selbst Gespräche ergeben.
Was bedeutet Vertrauen eigentlich für uns? Woran merkt man, dass jemand Angst hat, obwohl er es nicht sagt? Kann Trauer bei jedem anders aussehen? Und wie erkennen wir Gefühle überhaupt?
Damit wird aus einem Sachbuch über Tiere fast nebenbei auch ein Buch über Empathie und einen respektvollen Umgang mit anderen Lebewesen.
Und dann sind da diese Bilder …
Optisch ist das Buch ebenfalls etwas ganz Besonderes.
Schon das großformatige Cover mit den verschiedenen Tiergesichtern zieht den Blick sofort auf sich. Im Inneren geht es genauso eindrucksvoll weiter. Die handgemalten Gouache-Illustrationen von Laura und Florian Fuchs sind unglaublich ausdrucksstark und teilweise so detailreich, dass wir länger bei den Bildern hängen geblieben sind, als wir eigentlich lesen wollten.
Gerade weil es in diesem Buch um Emotionen geht, funktionieren die Illustrationen für mich besonders gut. Man schaut automatisch auf Augen, Haltung und Gesichtsausdruck und versucht selbst zu erkennen: Was könnte dieses Tier gerade empfinden?
Das macht das Buch auch zu einem schönen gemeinsamen Entdeckerbuch. Man muss es überhaupt nicht von vorne bis hinten durchlesen. Wir haben immer wieder geblättert, sind an einem Tier hängen geblieben, haben gelesen und anschließend darüber gesprochen.
„So fühlen die Tiere“ von Florian Fuchs und Laura Fuchs ist für uns viel mehr als ein klassisches Tiersachbuch.
Es verbindet Wissen über die Tierwelt mit einem Thema, das jedes Kind aus seinem eigenen Alltag kennt: Gefühle.
Besonders für unseren Siebenjährigen und seine große Tierbegeisterung war das natürlich ein Volltreffer. Aber auch ich fand viele der Beispiele überraschend und habe beim gemeinsamen Lesen einiges dazugelernt.
Die Kombination aus recherchiertem Wissen, konkreten Beobachtungen aus der Tierwelt und diesen wunderschönen, ausdrucksstarken Illustrationen macht das Buch zu einem Titel, den man nicht einmal liest und anschließend ins Regal stellt. Es ist eines dieser Bücher, die man immer wieder hervorholen kann, um noch einmal eine Seite anzuschauen, über ein Tier zu staunen oder einer neuen Frage nachzugehen.
Die Altersempfehlung ab drei Jahren würde ich für die Bilder und ein erstes gemeinsames Entdecken mitgehen. Seine ganze Stärke entfaltet das Buch für mich aber bei etwas älteren Kindern, die bereits verstehen können, dass Gefühle nicht immer mit Worten ausgedrückt werden und Verhalten viele verschiedene Bedeutungen haben kann.
Für kleine Tierfans, neugierige Grundschulkinder und Familien, die Sachbücher mögen, aus denen beim Lesen ganz automatisch Gespräche entstehen, ist „So fühlen die Tiere“ eine richtig schöne Empfehlung.
Und wer weiß: Vielleicht sitzt hier tatsächlich ein zukünftiger Tierpfleger mit seinem neuen Lieblingssachbuch auf dem Sofa. 🐯🐘🦉❤️