Eine erste Zahnlücke ist für Kinder ja irgendwie etwas ganz Besonderes. Da wird gewackelt, immer wieder mit der Zunge gefühlt und natürlich gespannt darauf gewartet, wann der Zahn endlich herausfällt. Und dann gibt es da noch die Sache mit der Zahnfee. Was aber passiert, wenn man nicht einfach darauf warten möchte, dass sie nachts heimlich vorbeikommt, sondern sie unbedingt einmal kennenlernen will?
Genau darum geht es in „Tilli und die Zahnfee“ von Lucy Astner mit Illustrationen von Alexandra Helm. Das Buch gehört zur Reihe „Einfach Lesen Lernen“ und richtet sich an Kinder, die gerade mit dem selbstständigen Lesen beginnen. Und ich finde, dafür wurde hier ein Thema ausgesucht, das einfach richtig schön zum Alter passt.
Tilli wartet nämlich sehnsüchtig auf ihre erste Zahnlücke. Andere Kinder aus ihrer Klasse haben schon eine und natürlich möchte sie endlich dazugehören. Vor allem aber möchte sie eines: die Zahnfee sehen!
Nur hat Tilli wenig Lust darauf, dass die nachts unbemerkt in ihr Zimmer flattert und genauso heimlich wieder verschwindet. Also nimmt sie die Sache selbst in die Hand und baut eine ziemlich raffinierte Falle – natürlich mit ordentlich Glitzer und vor allem ziemlich klebrig.
Der Plan funktioniert. Vielleicht sogar ein bisschen zu gut.
Denn tatsächlich landet Zahnfee Milli in Tillis Falle. Für Milli ist das besonders ungünstig, denn sie ist ausgerechnet an ihrem ersten Arbeitstag unterwegs und kann mit ihren zerknitterten Flügeln natürlich schlecht zur nächsten Zahnlücke weiterfliegen. Damit beginnt eine wunderbar verrückte Geschichte rund um zwei Mädchen, die sich so vermutlich niemals kennengelernt hätten.
Ich fand allein die Grundidee richtig süß. Kinder kennen die Zahnfee meistens als geheimnisvolle Figur, die irgendwann nachts auftaucht, etwas für den ausgefallenen Zahn dalässt und längst wieder verschwunden ist, bevor morgens die Augen aufgehen. Hier wird dieses Prinzip einfach einmal umgedreht: Was wäre, wenn die Zahnfee eben nicht rechtzeitig verschwinden könnte?
Besonders schön finde ich, dass „Tilli und die Zahnfee“ von Anfang an auf Kinder zugeschnitten ist, die gerade selbst ins Lesen hineinfinden. Denn beim Lesenlernen kann ein Buch inhaltlich noch so schön sein – wenn eine Seite mit kleinen Buchstaben und riesigen Textblöcken wartet, ist die Motivation bei vielen Kindern ziemlich schnell dahin.
Hier sieht das anders aus. Große Fibelschrift, überschaubare Textmengen und viele farbenfrohe Illustrationen von Alexandra Helm sorgen dafür, dass die Seiten nicht überfordern. Kinder können Stück für Stück lesen und haben zwischendurch immer wieder Bilder, die die Geschichte begleiten. Gerade in der ersten Lesestufe finde ich diese Mischung wichtig. Ein selbst gelesenes Kapitel oder sogar ein ganzes Buch ist schließlich ein richtig schönes Erfolgserlebnis.
Dazu kommt eine Besonderheit, die bei diesem Buch sofort auffällt: Es handelt sich um ein Wendebuch. Man bekommt also zwei kurze Geschichten beziehungsweise zwei Perspektiven in einem Band und kann das Buch entsprechend drehen. Dadurch lernen die Kinder nicht nur Tilli kennen, sondern können die Geschichte auch aus Millis Sicht erleben.
Das finde ich für ein Erstlesebuch richtig spannend. Gerade weil die Texte noch kurz und überschaubar sein sollen, bringt der Perspektivwechsel Abwechslung hinein und macht neugierig darauf, wie die andere Seite die Ereignisse erlebt hat.
Auch optisch macht das Buch einiges her. Das glitzernde Cover passt natürlich perfekt zur Zahnfee und dürfte im Bücherregal kaum zu übersehen sein. Zusammen mit den bunten Illustrationen von Alexandra Helm bekommt die Geschichte genau diesen fröhlichen, magischen Look, den ich mir bei einem Buch über eine Zahnfee wünsche.
Inhaltlich steckt aber ebenfalls mehr darin als eine lustige Feenfalle. Tilli muss schließlich feststellen, dass ihre vermeintlich geniale Idee Konsequenzen hat. Milli braucht Hilfe und gemeinsam müssen die beiden überlegen, wie sie das Problem mit den Knitterflügeln wieder lösen können. Freundschaft, Kreativität und füreinander da sein fließen dadurch ganz selbstverständlich in die Geschichte ein, ohne dass daraus eine große Lektion gemacht wird.
Was mir an dem Konzept besonders gefällt, ist die Verbindung aus einem für Kinder spannenden Alltagsthema und einer kleinen Portion Magie. Zahnlücken kennen sie aus ihrem eigenen Leben oder spätestens aus der Klasse. Die Zahnfee macht daraus etwas Fantasievolles und die Feenfalle bringt noch eine ordentliche Portion Humor hinein.
Und gerade für Leseanfänger finde ich solche Geschichten ideal. Wer gerade mühsam Buchstaben zusammensetzt und Wörter erliest, braucht meiner Meinung nach keine komplizierte Handlung. Es muss einen Grund geben, die nächste Seite umzublättern. Hier möchte man natürlich wissen, ob Milli ihre Flügel wieder in Ordnung bekommt und was aus Tillis ziemlich chaotischem Plan wird.
„Tilli und die Zahnfee“ von Lucy Astner und Alexandra Helm ist für mich deshalb ein richtig schöner Buchtipp für Erstleser und Grundschulkinder, die gerade anfangen, selbst Bücher zu entdecken. Besonders Kinder mit Wackelzähnen und Zahnlücken dürften sich in Tillis Aufregung schnell wiederfinden.
Durch die große Schrift, die kurzen Texteinheiten und die vielen Bilder eignet sich das Buch gut für die ersten eigenen Leseversuche. Das Wendebuch-Konzept bringt zusätzlich Abwechslung hinein und das Glitzercover sorgt schon vor dem Aufschlagen für ein bisschen Zahnfee-Magie.
Und vielleicht schaut nach der Geschichte das ein oder andere Kind beim nächsten ausgefallenen Zahn doch noch einmal besonders genau durchs Zimmer. Nicht, dass da irgendwo eine Zahnfee mit zerknitterten Flügeln in einer selbst gebauten Falle hängt.