So viele Geschichten – und wir sind schon bei Band 12.
Und trotzdem: Jedes einzelne Cover ein kleines Kunstwerk, jedes Buch eine neue Tür in einen Kosmos, der immer weiter wächst. Die Disney Villains-Reihe von Serena Valentino ist längst mehr als nur eine Sammlung einzelner Schurkenporträts. Sie ist ein zusammenhängendes Universum. Ein Geflecht aus Schicksalen, Motiven, Entscheidungen – und verdrehten Wahrheiten.
Mit „Gebrochenes Herz“, dem zwölften Band der Reihe, rückt nun eine der ikonischsten Figuren überhaupt ins Zentrum: die Herzkönigin aus Alice im Wunderland. Die tyrannische Königin, die rot sieht, Köpfe rollen lässt und scheinbar nur aus Wut besteht. Oder?
Serena Valentino stellt – wie so oft – genau die richtigen Fragen.
Was, wenn wir die Geschichte falsch erzählt bekommen haben?
Was, wenn die Herzkönigin nicht als Monster geboren wurde, sondern zu einem wurde?
Was, wenn ihre Gesetze kein Ausdruck von Macht, sondern ein verzweifelter Versuch waren, Ordnung in ein Land zu bringen, das sich jeder Logik verweigert?
Denn Wunderland ist alles – nur nicht logisch.
Dieses Buch nimmt uns mit an den Anfang. An den ersten Tag der Königin im Wunderland. In eine Welt, die aus Scherben erschaffen wurde. Verwirrend, irrational, unberechenbar. Nichts ergibt Sinn – und genau darin liegt der Sinn. Valentino fängt diese Atmosphäre perfekt ein: verstörend, seltsam, manchmal fast chaotisch, und doch auf eine merkwürdige Weise stimmig. Wie ein Traum, den man nicht ganz versteht, der aber noch lange nachwirkt.
Besonders berührend ist der innere Konflikt der Herzkönigin. Der Kampf gegen die Dunkelheit in ihr, gegen Zorn, Verlust und Enttäuschung. Und dann diese unerwartete Freundschaft mit dem weißen Kaninchen – leise, vorsichtig, beinahe zart. Ein Kontrast, der funktioniert. Ein Hoffnungsschimmer inmitten all der Absurdität.
Was ich an dieser Reihe so liebe – und was Serena Valentino hier wieder meisterhaft beweist – ist ihr unglaubliches Gespür für Balance. Sie nimmt eine bestehende, geliebte Welt und stellt sie komplett auf den Kopf, ohne sie zu zerstören. Die bekannte Geschichte bleibt intakt, wird nicht verfälscht oder verbogen. Stattdessen wird sie erweitert. Vertieft. Menschlicher gemacht. Das nenne ich echtes Geschick.
Der Kosmos der verdrehten Schwestern wächst weiter. Alte Bekannte tauchen auf, neue Verbindungen entstehen, mögliche Einflüsse werden angedeutet. Alles fügt sich ein – wie Karten in einem Spiel, dessen Regeln wir erst nach und nach verstehen. Und durch die angenehm große Schrift fliegt man förmlich durch die Seiten, fast so, als würde man selbst durch den Kaninchenbau fallen.
Das Ende? Dieses Mal ungewöhnlich still. Kein klarer Hinweis auf den nächsten Bösewicht. Kein direkter Ausblick. Stattdessen bleibt ein Gefühl von Erwartung. Von gespannter Neugier. Wen wird es als Nächstes treffen? Wer bekommt seine Geschichte erzählt?
Bis wir es erfahren, können wir uns ja die Zeit vertreiben.
Vielleicht mit einer Runde Karten.
Oder Schach.
Oder einfach mit dem Gedanken, dass selbst im größten Zorn manchmal ein gebrochenes Herz schlägt.